Ich verzichte bewußt auf den Begriff "Wahlheimat", denn wirklich gewählt habe ich Magdeburg nie. Ich bin eher so "reingerasselt", wie eigentlich in mein gesamtes Leben.
Ich kann mich lebhaft an meinen ersten Eindruck erinnern. Im September 1998 fuhren mein Onkel und ich von der B 89 auf die Tangente und ich dachte nur "Oh mein Gott, HIER soll ich leben???". Ok, Nord ist jetzt nicht unbedingt das Aushängeschild für Magdeburg, schon gar nicht, wenns das erste ist, was man beim Reinfahren sieht. Und noch weniger, wenn man selber aus dem wunderschönen Schwerin kommt und einen gewissen Stil gewohnt war.

In Stadtfeld angekommen, wo sich meine erste WG befand, machte meine anfängliche Panik immerhin einer gewissen Erleichterung Platz - Stadtfeld ist nun wirklich ein schönes Fleckchen. Schöne Altbauten, viel Grün, die Schrote...ich fühlte mich direkt heimisch, ebenso wie an der FH, deren Fakultät der Fachkommunikation sich seinerzeit noch im alten Gebäude in der Maxim-Gorki-Str. befand.
Die Innenstadt wiederum fand keine Gnade vor den Augen einer Schwerinerin...ich vermißte die Altstadt, durch die ich bummeln konnte, die Fachwerkhäuser, den Pfaffenteich...kurz, einfach die Atmosphäre, in der ich aufgewachsen war. Ich konnte zeit meines Lebens in Magdeburg nicht sagen "Ich gehe in die Stadt, ein wenig bummeln". Immer hieß es bei mir nur "Ich geh mal ins Alleecenter".
Eigentlich krass...wenn ich jetzt in Nachhinein drüber nachdenke, bestand Magdeburgs Innenstadt für mich eigentlich fast nur aus dem Alleecenter. Anfangs übte das auch noch einen gewissen Reiz auf mich aus, der sich dann mit den Jahren langsam verlor.
Aber ich will nicht zu ungerecht urteilen, auch ich habe viele für mich schöne Ecken in Magdeburg gefunden. Jahrelang war ich dienstags Stammgast im Orbit, die Samstage verbrachte ich meistens in der Factory, im Frühling war ich auf den "That Spring"-Festivals, und Magdeburg brachte es dank Rontzel sogar zu einem (leider einmaligen) Metal-Openair. Das alles kannte ich aus Schwerin nicht und genoß diese für mich "große Welt" in Magdeburg.
Und ich lernte die Magdebürger kennen...viele Zugezogene, aber auch Urgesteine, die Magdeburg für mich zu einem sehr annehmbaren Fleckchen und den Abschied daher sehr schwer machten.
Viele Plätze erlangten durch bestimmte, liebgewordene Menschen eine besondere Bedeutung für mich - der Stadtpark, das Flowerpower, das Spectaculum, der Elbauenpark und insbesondere der Kletterfelsen, Stadtfeld, Cracau, Sudenburg und nicht zuletzt der Spielplatz in den Goetheanlagen in Stadtfeld...war das doch der Spielplatz, auf dem meine kleine Tochter ihre ersten Erfahrungen mit dem unheimlichen Gerät, genannt Rutsche, gemacht hat.
Auch an die früheren Stadtfeste über Pfingsten denke ich sehr gerne zurück...2001 spielte "Die Letzte Instanz" vor der Hauptpost (und meine Schwester kotzte an die Straba-Haltestelle
), im Jahr darauf spielten "Schandmaul" auf dem Domplatz, und das Ende artete in einer Riesenschlägerei zwischen Rechts und Links aus, wieder 2 Jahre später spielten "Knorkator" auf dem Uniplatz, und ich stand in der ersten Reihe. Von Martin Kesicis Auftritt auf demselben Stadtfest habe ich leider nichts mitbekommen, weil der verdammte Tequila vorher irgendwie schlecht war

Leider wurde das Stadtfest von Jahr zu Jahr unspektakulärer und weniger lohnenswert. Dennoch kannte ich sowas aus Schwerin nicht...dort hat nur mal die Kelly Family aufm Markt gespielt
In Magdeburg habe ich meine Ausbildung beendet, meine große Liebe kennengelernt, viele Höhen und noch mehr Tiefen erlebt, eine andere Liebe verlassen, mein Kind gezeugt (und wirklich nur gezeugt - bekommen hab ichs natürlich aus lokalpatriotischen Gründen in Schwerin
) und zum guten Schluß geheiratet. Das war quasi meine letzte Amtshandlung in Magdeburg, ehe ich dieser Stadt nun endgültig den Rücken kehre.Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich lasse viele liebgewordene Menschen (möge sich einer besonders angesprochen fühlen) und viele Erinnerungen zurück. Aber ich freue mich auf meine zukünftige Zeit in Braunschweig. Auch hier gibts Kletterfelsen
Und hier gibts eine wunderschöne Altstadt und ein schwedisches Möbelhaus 
Dennoch möchte ich allen Magdebürgern danken, die mir die Zeit dort zu einem unvergeßlichen
Abschnitt meines Lebens gemacht haben.
Danke!
Hinweis der Redaktion:
Mit "Mein Magdeburg" veröffentlicht WebUni eine kleine Artikelserie, in welcher "Magdebürger" über Magdeburg schreiben. Magdebürger kann jeder sein, der sich so fühlt. Mit der Anfangs auf fünf Teile angelegten Artikelserie möchten wir Euch Magdeburg aus ganz unterschiedlichen und persönlichen Blickwinkeln zeigen. Wir konnten im gleichen Maße in der Stadt aktive "Neubürger" wie Alteingesessene gewinnen, uns aus ihrer Sicht etwas über die Stadt Magdeburg zu erzählen. Dabei war kein Thema vorgegeben, außer das es etwas über "Magdeburg" und "Wie sehe ich die Stadt?" oder "Was fällt mir dazu ein?" sein sollte. Wer Interesse hat, auch einen Teil zu unserer Serie beizutragen, kann sich vertrauensvoll an madcynic wenden.