Von Tel Aviv in der Mitte des Landes fuhren wir südwärts nach Beer Scheva, dem „Tor zur Wüste“. Im Negev, einer Steinwüste, waren unsere Stationen En Avdat, Mitzpe Ramon, Elat am Roten Meer, En Gedi und das Tote Meer. Schließlich verbrachten wir einige Tage in Jerusalem.
Wie beginnt man die Entdeckungsreise durch ein solches Land?
Angekommen in Tel Aviv, einer großen, sehr "westlichen" Stadt, sitzen wir schwitzend im Schatten und warten auf den Bus – es sind ca. 40°. Wir befinden uns mittlerweile gute 2000 km und vier Flugstunden von Magdeburg entfernt und nicht nur die Zeitzone hat sich geändert: Im Zentrum Tel Avivs tragen viele Männer „lustigen Kappen“ – die Kippa ist eine Kopfbedeckung zu Ehren Gottes – die Fastfoodläden verkaufen statt Döner Falafel, dessen koschere Variante aus Kichererbsen. Supermärkte werden von Sicherheitsleuten bewacht, Taschendurchsuchungen und Leibesvisitationen sind Tagesgeschäft. Am Strand verwundern bewaffnete Männer in Badehosen niemanden. So findet man Sicherheit als Serviceleistung auch auf der Caférechnung wieder. Der gescheiterte Nahost-Friedensprozess und die zweite Intifada haben tiefe Spuren hinterlassen – aber wir bemerken auch, wie schnell dies alles auch für uns zum Alltag wird.
Eine freundliche Einladung zu einem zweitägigen Seminar an der Bar-Ilan-Universität in Tel Aviv ermöglicht uns eine Einstimmung auf das Land. Ausgehend vom Schwerpunkt „Jüdisches Kinderleben“ lernen wir in Vorträgen und Gesprächen die Komplexität des Judentums kennen. Besonders eindrücklich war der Bericht des Ausschwitz-Überlebenden Professor Zvi Bacharach. Es wird aber auch deutlich, dass jüdische Geschichte nicht nur Holocaust bedeutet, sondern dass Israel durch eine reiche Vergangenheit geprägt wird, die mehrere tausend Jahre zurückreicht. So konnten wir beobachten, dass die Öffentlichkeit eher mit aktuellen Problemen wie dem schwierigen Dialog zwischen Israelis, Palästinensern und den arabischen Nachbarn beschäftigt ist.
Die Wüste: Der Negev
Nach diesem thematischen Einstieg wird der Wunsch wach, das Land fernab der größeren Städte endlich hautnah zu erleben. Auf der Fahrt Richtung Süden besichtigen wir bei Sede Boker das Grab von Ben Gurion, dem Staatsgründer Israels. Von hier aus können wir den gigantischen Ausblick auf den Negev und seine Schluchten bewundern und die Schönheit der Wüste erahnen.
Dass Wüste mehr ist, als eine Aneinanderreihung von Steinen, stellen wir in den nächsten Tagen unserer Reise fest. Wir besuchen mehrere tausend Jahre alte Ausgrabungsstätten, die unter anderem davon erzählen, wie die Siedler mit Zisternen oder auch komplizierten Rinn-Systemen das Wasserproblem lösten. Eine richtige Oase fanden wir in En Gedi vor. Eigentlich einer der touristischen Anziehungspunkte der Wüste, blieb er wie fast überall in diesem Sommer verwaist. So konnten wir fast ungestört den angeschlossenen Park bewandern, der uns von Wasserfall zu Wasserfall führte, begleitet von Klippschliefern, dicken, trägen Tieren von der Größe einer Katze, die kurioserweise eine erst auf den zweiten Blick augenfällige Verwandtschaft mit Elefanten aufweisen.
Nachdem wir zehn Tage das Land bereist und in all seinen Extremen kennen gelernt haben – die Stille der Wüste und das Partyleben am Roten Meer, Jahrtausende alte Ausgrabungen und Hochhäuser im Bauhaus-Stil, Beduinensiedlungen, Palästinenserviertel und jüdische Kibbuzim, Vorträge an der Uni und hitzige abendliche Diskussionen – freuen wir uns auf die letzte Station unserer Reise.
Die heilige Stadt: Jerusalem
Endlich in Jerusalem angekommen, erleben wir eine turbulente Stadt. Die ureigene Atmosphäre der Stadt wird nicht zuletzt vom Jerusalemstein geprägt, aus dem alle Gebäude aufgebaut wurden. Die vielen Menschen und Autos zeugen von der Geschäftigkeit der Metropole und dennoch ist sofort augenfällig, dass wir uns hier in einer traditionellen, religiösen Stadt befinden, die sich grundlegend von ihrer säkularen „Schwester“ Tel Aviv unterscheidet. Die Stadt ist auf mehreren Hügeln gebaut – jeder einzelne hat seine Geschichte und damit beginnt auch unsere kleine "Zeitreise".

Sie beginnt mit einem Besuch auf "Yad Vashem", dem Hügel auf dem sich die Zentrale Gedenk- und Erinnerungsstätte der Shoah in Israel befindet. Auf dem Gelände befinden sich neben der Dauerausstellung, einem "Research Center", dem Kunstmuseum und der "Allee der Gerechten der Völker" auch ein künstlich angelegter Steinpark, der sämtliche jüdischen Gemeinden Europas aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus in geographischer Ordnung darstellt. Der Ausgang der Dauerausstellung mündet in einem wunderschönen Blick auf einen weiteren Hügel Jerusalems – nach dem Eindruck der Ausstellung wirkt dies bedrückend und befreiend zugleich.
Nach der Ankunft in der Jugendherberge geht es dann mit dem Bus auf eine Stadtrundtour. Vor allem Mea Sharim, das Viertel der ultra-orthodoxen Juden, vermittelt den Eindruck einer kleinen Zeitreise in die jüdische Stetl-Kultur vor dem zweiten Weltkrieg: kleine Jungen mit langen Zöpfen und Holzschuhen, ältere Männer mit langem schwarzen Mantel, großem Hut mit Krempe - einfache Jeans sucht man hier vergeblich. Lediglich die Geschäfte erinnern uns, in welchem Jahr wir leben.
Im Museumspark angekommen unternehmen wir mit einem überdimensionalen Stadtrelief vor Augen, das den – nun zerstörten – zweiten jüdischen Tempel als Zentrum hat, eine imaginäre Reise in die Vergangenheit der Stadt. Die Überreste der Westmauer des Tempels bilden dann auch unser Ziel der nächsten Tage: die Klagemauer. Doch vorher gibt es noch ein offizielles Treffen mit einem Palästinenser, welcher im palästinensisch- israelischen Friedensdialog aktiv ist. Sein Vortrag und die anschließende Diskussion verdeutlichen die Brisanz des Themas.
Am nächsten Tag besichtigen wir dann endlich die Altstadt von Jerusalem. Dieser Ort ist geprägt von interkulturellem und religiösem Leben. Orthodoxe Juden auf dem Weg zur Klagemauer, christliche Pilger und arabische Händler machen diesen Ort zu einem unbeschreiblich eindrucksvollen Erlebnis. Wir besuchen die Klagemauer und schauen uns von hier aus die nur 50 Meter weiter gelegene Al-Aksa-Moschee und den Felsendom an. Für Nicht-Muslimen ist der Zugang zum Tempelberg leider nur vor dem Morgengebet möglich, deshalb begnügen wir uns mit einem Panorama. Anschließend geht es die "Via Dolorosa" entlang und wir passieren die Stationen der Kreuzigung Jesu bis zum Damaskustor – also rückwärts. Den Abschluss bildet der Besuch in der Grabeskirche, wo Christus gekreuzigt und begraben sein soll. Die räumliche Dichte dieser Heiligtümer der Weltreligionen symbolisiert wie kein anderer Ort die historische Bedeutung Jerusalems. So gehen wir dann im "heiligen Land" durch die "heilige Stadt", in der Tasche eine Wasserflasche von einem arabischen Händler, die jüdische Kippa auf dem Kopf, durch die christliche Grabeskirche und fragen uns, wann für alle hier lebenden Menschen endlich der Frieden – und nicht die Sicherheitskontrollen – Alltag wird.
Israel ist ein unendlich facettenreiches Land. Hier begegnen sich drei Weltreligionen und die unterschiedlichsten Weltanschauungen – Konfliktpotenzial für Kriege und Anfeindungen, aber auch Grundlage für fruchtbare Dialoge und faszinierende Begegnungen. Dass das Land bis vor wenigen Tagen bombardiert wurde, scheint den Alltag nur wenig einzuschränken – in Israel gelten andere Maßstäbe als in Deutschland, und um dies wirklich zu begreifen, muss man vor Ort gewesen sein. Wir möchten jedem Studenten ans Herz legen, sich für die Exkursion im kommenden Jahr zu bewerben – sie ist eine einzigartige Möglichkeit, Israel abseits der üblichen Touristenrouten kennen zu lernen. Für uns war die Exkursion eine wirklich kostbare Erfahrung und ein großer Gewinn. Wir sind dankbar für den tiefen Einblick in die Kulturen im Nahen Osten, für die zahlreichen neuen Ideen, Gedanken, Informationen und Erlebnisse, die uns diese Reise ermöglicht hat.
Abschließend gilt es, der Universität und dem Akademischen Auslandsamt, der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, dem Studentenrat und dem Fachschaftsrat der FGSE zu danken, die diese Reise finanziell oder organisatorisch unterstützt haben. Wir hoffen sehr, dass die Exkursion in den kommenden Jahren weiterhin stattfinden kann – sie ist ein Gewinn für eine Universität, die Internationalität betont und globales, interkulturelles Denken fördern möchte!
Informationen zur Bewerbung für die Exkursion 2007 gibt es hier:
