
Ein ganzer Tag zu Ehren des Fernsehens. Und das nicht ohne Grund: Seit seiner Erfindung hat das Fernsehen schon viele Menschen zum lachen, weinen oder fürchten gebracht. Die Glotze, Kiste oder der Flimmerkasten hat Suchtpotenzial. In alter Mittermeier-Manier führte ich deshalb einen Zappingtest durch, der mir Aufschluss über das deutsche Programm im Jahr 2006 geben sollte:
Testverlauf:

*POING*: Fernseher geht an und Sido meckert auf MTV über seine schwere Kindheit. Ein Glück hat er es aus dem Berliner Ghetto bis hier her geschafft, sonst würde an seiner Stelle ja vielleicht richtige Musik laufen…
*ZAPP*: ARD – Musikantenstadl-Wiederholung von Samstag. Argh, mir ist jetzt noch peinlich dass ich Helmut Lotti so schnell erkannt habe…
*ZAPP*: ZDF – das Fernsehbild verklärt sich ein wenig und ich sehe weichgefilterte dramatisch artikulierende Menschen. Das muss wohl Reich und Schön sein…
*ZAPP*: Auf RTL steigt gerade eine hochschwangere Frau auf eine Personenwaage um dann entsetzt die Augen zu weiten. Der Weg zum eigenen Baby haar- und schmerzvoll genau von der Kamera festgehalten…
*ZAPP*: Schlechte Werbung auf Sat 1. Irgendwann in zwei bis drei Jahren muss das mal jemand kompetentes ändern…
*ZAPP*: talk talk talk auf Pro 7. Das Bildungsbürgertum im Hochform: “Ey Alta du hast meine Freundin angemaacht, maaan.”
*ZAPP*: RTL2 – Einrichtungsprofi hilft jungem Pärchen ihre Wohnung zu möblieren. Die könnten ja auch mal bei mir klingeln. Ob die das alles bezahlen?
*ZAPP*: Chaos City auf Kabel. Kult! Egal ob Michael J. Fox oder Charlie Sheen…
*ZAPP*: Vox; Das perfekte Dinner: Das ideale Studentenprogramm – da schmeckt die Tütensuppe gleich noch besser…
*ZAPP*: Klingeltonwerbung auf VIVA: Klasse, da kann ich ja endlich den crazy frog durch den besoffenen Elch ersetzen…
*POING* Fernseher aus, angenehme Stille
Ein gutes halbes Jahrhundert Fernsehgeschichte liegt hinter uns und der Medienwissenschaftler Knut Hickethier beschreibt sie als einen Weg in die Spaßgesellschaft. Von Dalli Dalli über Tutti Frutti zu TV Total.
Sollte das Fernsehen in den 60er Jahren noch der Volksbildung dienen, so nahm es der Zuschauer Ende der 70er schon als Unterhaltungsmedium wahr. Aber Unterhaltung forderte immer neue Maßstäbe und die Programmgestalter versuchten in den 80ern und 90ern nach den Erfolgen der Spielshows mit immer neuen Tabubrüchen und öffentlichen Konfrontationen weitere attraktive Nischen zu erschließen. Voyeurismus ist dabei zu einer der beliebtesten Programmformate aufgestiegen. Das Interesse am Privatleben anderer fand mit der 24-Stunden Beobachtungsshow Big Brother ihren Höhepunkt: Echte Menschen mit echten Gefühlen.
Diese Gefühle werden im heutigen Programm in Form von Doku-Soaps festgehalten. Je nach Thema und Lebenslage kann man wildfremde Menschen beim Kinder kriegen, auswandern, kochen, im Urlaub oder bei der Wohnungsgestaltung begleiten. Schlimmer wird es hingegen wenn das „wahre“ Leben von Laienschauspielern nachgeahmt und als real verkauft werden soll. Vor Gericht, im Polizeieinsatz oder zu Gast bei der Therapeutin ist jede Authentizität mit dem Drehbuch verloren gegangen. Mit Absicht?Auch wenn die Abflachung unseres Fernsehprogrammes nicht zu übersehen ist und die Produktionen lieber auf Quantität statt auf Qualität setzen, bleibt die Tatsache. Dass es immer noch ein Publikum gibt, dem es gefällt.
Ein Programm ist nur so gut wie die Zuschauer, die es sich ansehen. Gerade das private Fernsehen ist auf eine entsprechende Quotenzahl für ihre Werbung angewiesen. Das Wechselspiel zwischen Konsument und Produzent, Angebot und Nachfrage bleibt die Stellschraube für unser zukünftiges Fernsehprogramm. Darf nicht der Zuschauer entscheiden, was er sehen will und nicht der Produzent was er sehen soll?
In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Weltfernsehtag und ein hoffentlich gutes Programm.
