WebUni Hannover WebUni Frankfurt/Main WebUni Magdeburg

11. Oktober - Internationaler Tag der Katastrophenvorsorge

oder: Wenig bekannte Ereignisse werfen ihre langen Schatten

Es steht so im großen UNO- Feiertagskalender: Jeden zweiten Mittwoch im Oktober begeht man den Tag der Katastrophenvorsorge. Da jedoch bekannterweise Sachsen-Anhalter früher aufstehen, wurde dieses Jahr probiert, in den Feiertag hineinzufeiern. Die Landeshauptstadt scheute keine Kosten und Mühen, dem Bürger mal zu zeigen, worauf man sich auf blaulichttragender Seite vorbereitet.

So kam es dann auch, daß ich mich, wohl freuend, daß ich in spätestens 2 Stunden meinen Schnupfen zu Hause auskurierend und einen Artikel über just jenen Tag schreibend sein würde, in Haldensleben, um die Sicherheitsvorkehrungen in einer Firma in Augenschein zu nehmen.Zwischen zwei Acetoncontainern ging auf einmal das Handy


14:00 Zugführer ruft an
"Moin! Wo bist Du grade?" "In HDL," sag ich "Na toll. Paß auf: Irgendwie haben die in der Gustav-Adolf-Straße so ein Gußteil "Made in U.S.A." ausgebuddelt. Sieh mal zu, daß Du bald wieder in der Stadt bist, im Amt drehen se schon hohl"Gut, sag ich mir. Die Erfahrung lehrt: Bei der Berufsfeuerwehr Magdeburg wird zwar für alles geplant, aber seltenst auch umgesetzt. Also keine überstürzte Hast. Trotzdem dränge ich meinen Chef ein wenig, in Richtung Büro aufzubrechen.Dort angekommen muß er weiter und ich mach mich nach Magdeburg auf. Weit komme ich nicht.

15:29 Die SMS

Gerade, als ich mich auf den Bock schwinge, brummt es in der Tasche. Hurra, mal wieder eine Nachricht. Diese hier erzählt mir, daß ich bitte s.s.w.m. zur Wache komme und vorher Bescheid sage, wann in etwa und ob überhaupt.Also hacke ich mal fix "ETA 30 min" hinein und verlasse Hohendodeleben mit röhrendem Auspuff.(Ich möchte noch anmerken: Sämtliche Fahrzeuigbewegungen wurden unter Beachtung der STVO vorgenommen, mit Ausnahme diverser Bestimmungen bezüglich des Parkens).Es zeigte sich, daß der Ottonormalmagdeburger sich an Tagen, wo für Mitbürger Lebensgefahr besteht verhält wie immer: An der Ampel wird noch der Beifahrer befragt, ob wirklich Grün ist, man bremst erst und blinkt dann und vor allem wird der Spurwechsel durch Vogelzeigen im Nachhinein "angezeigt". Also ein normaler Montagnachmittag, hätte ich Blaulicht und Horn am Motorrad, hätte mir das auch nicht geholfen.Wobei ich sagen muß, daß meine Raum-Zeit-Planung nur um ein Sechstel abwich, denn um

16:11 Ausrücken

Nachdem ich 6 Minuten eher das Einsatzzweirad vor der Wache abgestellt hatte, erlangte ich beim Umziehen dann Kenntnis der Lage und des Auftrags:Man hat eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg im Bereich Gustav-Adolf-Straße gefunden.Die Bereitschaftspolizei und die Schutzpolizei bereiten gerade die Räumung angrenzender Gebäude vor bzw. führen diese durch.Wir haben den Auftrag, uns in der Schule in der Weitlingstraße (oh, toll, im Trümmerschatten... Rolling Eyes ) einzufinden und dort gem. Weisung des Einsatzleiters vermutlich bei der Räumung zu unterstützen.Noch eine Notiz an den geneigten Leser: Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Räumung und Evakuierung ist jener, als daß man sich bei einer Räumung nicht gegen die Evakuierung wehren kann. Daher auch die Polizei Wink

Nun denn, unsere 4 Schlachtschiffe der Marke Ford gesattelt, die Dachdisco an im Konvoi zum Einsatzort.Auf dem Weg natürlich wieder das übliche Spiel: Hunderte Verkehrsteilnehmer, die die Bedeutung von Blauem Blinklicht und Folgetonhorn nicht kennen. Aber man ist ja mittlerweile geschult, regt sich nicht weiter drüber auf und paßt lieber auf, heil anzukommen.Acht Minuten später dann - endlich - die Weitlingstraße. Der Beifahrer darf jetzt mal die elenden Quäken im Stoßfänger ausknipsen, wir sind ja nicht mit nem roten Auto unterwegs.p1000371_kl.jpg
Vor Ort dann bekannte Gesichter, der Kamerad Kersten von der Feuerwehr darf heute die weiße Weste (Organisatorischer Leiter) tragen und die Kollegen vom Deutschen Roten Plus parken auch gerade ein.Nach Verbindungsaufnahme und kurzem Umparken auf dem Schulhof sind wir dann soweit, so daß es heißt:
16:35 Evakuierung

Gut, für mich hielt sich der Spaß in Grenzen, da ich das Führungsfahrzeug führte und dessen Fahrzeugführer vor Ort bleiben mußte.Statt dessen wurde mir die Ehre zu Teil, die Zufahrt zum Schulhof von motorisierten Zivilisten fern- und für Einsatzfahrzeuge sichtbar zu halten. Sollte ja so gesehen mit einer roten Jacke, die Reflexstreifen hat, nicht schwer sein...Falsch gedacht.Zu einen wurde allen gesagt, sie sollen sich vor der Schule melden, da brachte mein verzweifeltes Einwinken (jaja, sieht albern aus, aber bei ner 747 funktioniert es für gewöhnlich) nicht soo sehr viel. Zumal ich mich nebenbei auch noch um diverse Bürger kümmern mußte, welche partout nicht einsahen, daß es jetzt extrem ungünstig ist, den Schulhof zu befahren. Ich möchte hier nur ausdrücklich davor warnen, einen Sportvereinshallenwart daran hindern zu wollen, die Sporthalle aufzuschließen. Ich rief ihm noch hinterher "Aber nur auf eigene Gefahr!" und forderte mir ein wenig grünberockte Verstärkung an. Wie ich später feststellte, war der Bürger Hallenwart garnicht mehr gut drauf, hatte man doch tatsächlich alle Krankentransportwagen um sein Privat-Kfz herum aufgereiht.Mittlerweile waren nämlich auch unsere entfernten Verwandten vom katholischen Hilfsverein aufgeschlagen und so ein T5 mit Hochdach will ja auch anständig geparkt sein.Nun, wie auch immer, es begann die große Warterei. Die beiden Polizisten an meiner Seite waren genauso begeistert wie ich, als lebender Poller zu fungieren, diese jedoch hatten wenigsten beim heutigen Schießtraining schon Erfolge gehabt.
p1000366_kl.jpg

17:30 Noch mehr Autos

Als ich schon vorsichtig anfragen wollte, ob ich nun wieder reinkommen könne, da ja im Prinzip alle einzuweisenden Kräfte eingewiesen sind, näherte sich mit überragendem Dopplereffekt ein Geräusch in a' und d'.MIt quietschenden Reifen brach kurz darauf ein rotlackierter Pritschenwagen um die Ecke. DAS kann nur die FreiwilligenFeuerwehr sein, wer sonst befördert Kaffee und Tee unter Zuhilfenahme von Sonder- und Wegerechten?Vor lauter Blaulichterei hätte man mich noch im letzten Moment übersehen, war aber froh, daß ich den Verkehr unter Einsatz meines Lebens sperrte. Naja, dachte ich mir, wenigstens is der Kaffee da...Etwa eine halbe Stunde später trötete es schon wieder, diesmal aber ein größeres Auto. Wieder eine Freiwillige, diesmal aber mit Gepäck. Lang ersehnt und nie erreicht lieferte uns die Feuerwehr den sogenennten "AB-SEG", ein Wechselladercontainer mit allerlei Krimskrams drin, der sich für die mittlerweile über 300 Menschen in der Schule als nützlich erweisen könnte.Auch hier wieder "idiots in action", ein Taxifahrer war drauf und dran, seinen Kühler am Heckstoßfänger des Feuerwehrlasters kaltzuvervormen. Komisch, ich dachte eigentlich, wenn die weißen Lampen am Heck angehen, geht auch das Hirn an, aber was rede ich....Nach schlappen 3 Minuten hatte es das Wechselladerfahrzeug dann endlich geschafft, von der - für solche Zwecke im Übrigen viel zu engen - Weitlingstraße zu verschwinden.Fast zeitgleich schlugen nun auch die Kollegen vom ASB auf, so daß nun alle Hilfsorganisationen der Stadt versammelt waren.Eine Überraschung kam dann vom Hof in Form meines organisationseigenen Doktors, der mit sagte, daß ich nun nen rein dürfte, es wären alle da. Meine Nachfrage bezüglich der nun schon leicht sackigen Polizeibeamten wurde leider nicht beantwortet, so daß ich auf dem kurzen Dienstweg mal für die Beiden die Kaffeebestellung aufnahm.

18:40 Innendienst

So, erstmal beim Zugführer zurück- und gleich wieder auf Versorgungstour abgemeldet. Die beiden Jungs in Grün waren wirklich nicht böse, daß der Kaffee ziemlich heiß war, schließlich wurden sie vom Dienstherren mit nicht wirklich wärmender Bekleidung ausgerüstet. Wieder im Innenbereich durfte ich dann erstmal pflegerisch tätig werden. Da ja genau im Räumungsbereich auch diverse Altenpflegeunterkünfte sind, wurden die Damen und Herren auch in der Schule geparkt. Was auch bedingte, daß sie mal aufs Örtchen mußten, was ja auch nicht ganz unwichtig ist.Zum Glück war Uwe Koch, Magdeburgs Leitender Notfallseelsorger mit seinen Jungs und Mädels auch mit von der Partie, so daß die nichtmedizinische Betreung fast ausschließlich von ihnen geleistet wurde.Evakuierte, welche besonderer Aufmerksamkeit bedurften, wurden zum Teil auf Magdeburgs Krankenhäuser verteilt, hier insbesondere insulinpflichtige Diabetiker.p1000341_kl.jpgIn der Zwischenzeit gab es auch noch eine neue Lageinformation: Der erste Zünder ist draußen, mit dem zweiten Zünder gibt es arge Probleme. Man richtet sich folglich auf eine lange Nacht ein.Es kam dann doch anders als gedacht:

20:00 Aufbruchsbestreben

Das Feuerwerkerteam hatte entschieden, die Bombe zu verladen. Ob der zweite Zünder dabei noch drin war, weiß ich leider nicht. Auf jeden Fall aber beratschlagte man sich, ob es angebracht wäre, den Korridor, durch welchen der Tieflader mit dem Sprengmittel aus der Stadtfährt, ebenfalls zu beräumen. Dies hätte dann vermutlich wirklich die ganze Nacht gedauert, wie jeder weiß, befindet sich in Magdeburg ja an jeder Ecke in Pflegeheim.Es wurde dann aber entschieden, daß die Beräumung nicht notwendig wäre. Es war auch höchste Zeit, denn aufgrund der nicht bestellten Verpflegung fingen die zwangsevakuierten Bürger langsam aber sicher an, unausgeglichen zu werden. Ich denke, das ist durchaus verständlich.Einige hatten schon die Schule eigenständig verlassen, da sie keine Lust mehr hatten, nur rumzusitzen. Dies erschwerte unsere Arbeit ein klein wenig, da beim späteren Ausschleusen eine nicht unerhebliche Diskrepanz der Zuläufe und Abgänge bestand.20061009bombenfundmd009_kl.jpg

20:15 Heimreise

Dann endlich die Erlösung für die geplagten Innenstadtbewohner: Die Bombe ist weg, die Häuser stehen noch und mit etwas Glück wird man in den Tagesthemen gezeigt.Die gehfähigen unter den Evakuierten ließen sich die neugewonnene Freiheit nicht nehmen und verließen in Windeseile das Schulgelände.Garnicht mal soooo unpraktisch, stellte sich heraus, nun hatten wir nämlich viel mehr Bewegungsfreiraum, um die nicht gehfähigen Betroffenen wieder an ihre Heimstatt zu befördern.Dies dauerte auch nur recht kurz, denn so schnell, wie der Alarm kam, war auch um

20:58 Einsatzende


Da ja weder die evakuierten Bewohner noch das eingesetzte Personal (außer der Polizei, aber die werden vom Land bezahlt) Verpflegung zu sehen bekamen, ging es nach Feststellen der Stärke und Kontrolle der Ausrüstung erstmal zu einem nicht näher bezeichneten Versorgungsstützpunkt in der Nähe.Dort wurde noch ein wenig geplauscht, und schließlich die Fahrt zu den jeweiligen Wachen angetreten.Dort war dann schließlich um

22:13 Dienstschluß

Das Fazit

Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, daß sich die Stadt bei dieser außergewöhnlichen Lage gut geschlagen hat. Ich würde zwar nicht behaupten wollen, daß wir von jetzt auf gleich eine wirkliche Katastrophe versorgen könnten, jedoch sind diese bekanntlich sehr rar und die Zeit bis zur nächsten bietet viel Spielraum für Verbesserungen.Was über alle Maßen gut geklappt hatte, war die Alarmierung der eingesetzten Kräfte. Mit Ausnahme der Polizei, der "hohen Tiere" der Berufsfeuerwehr und dem Krankentransport der Stadt waren alle Übrigen nämlich über das Stadtgebiet bzw. Umland verteilt und mußten erst zum Einsatz "anreisen".Und ich denke mal, daß 50 Minuten von Alarmierung bis Eintreffen für eine rein ehrenamtliche Truppe nicht wirklich langsam ist.Weniger schön war dabei allerdings, daß auch heute noch die Alarmierung weitestgehend über eine Telefonkette lief, jedoch arbeitet die Stadt fieberhaft am Einsatz eines Handy-Vielalarmierungssystems.Was das Material anbelangt, so sind wir, in dieser doch eher betreuungstechnisch orientierten Lage, gut ausgekommen, jedoch besteht weiterhin viel Bedarf an Modernisierung und Neubeschaffung. Aber, da ist natürlich wieder Geld im Spiel, welches "natürlich" viel besser bei der Beschaffung von Tausenden ABC-Schutzanzügen und lustigen, aber sinnfreien biometrischen Pässen angelegt war. Rolling EyesAber gut, das war eine Anschaffung des Bundes, während der Rest des Katastrophenschutzes auf Länder und Kommunen abgewälzt wird.

Womit wir wieder beim Thema wären:

11. Oktober - Internationaler Tag der Katastrophenvorsorge

Haben wir wirklich vorgesorgt?

Ich sage: Jein!


Die Fotos wurden freundlicherweise von Thorsten Behnke (Johanniter-Unfall-Hilfe) und Rico Thumser (freischaffender Bildjournalist) zur Verfügung gestellt
geschrieben von $DEL_1332 am 09.10.2006