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Artikelserie "Mein Bundesland" - Teil 6

Heute: Bayern

Es ist das größte deutsche Bundesland und nimmt den Südosten der Republik ein. Knapp zwölfeinhalb Mio. Menschen leben hier, nur Nordrhein-Westfalen hat mehr Einwohner. Aber ich will diesen Artikel nicht mit Zahlenhuberei betreiben, wie der Bayer sagt, denn das kann man alles woanders nachlesen. Ich will vielmehr darauf eingehen, was mir an Bayern liebenswert erscheint und was eher diskussionwürdig ist. Dazu ein paar Anekdoten, damit es auch interessant wird.



Was die Elbe für Magdeburg und Sachsen-Anhalt ist, ist die Isar für mich und Bayern. Und dabei ist sie keineswegs der größte Fluß Bayerns, sondern eigentlich recht klein. Aber da sie durch München fließt und eine Menge historisch wichtige und traditonsreiche Orte fließt, ist sie für das Land identitätstiftender als ihre große Schwester, die Donau. Ich konnte mir die bayerischen Flüsse in der Schule mit einem kleinen Schüttelreim gut merken: Iller, Lech, Isar und Inn, fließen rechts zur Donau hin - Wörnitz, Altmühl, Naab und Regen kommen ihr von links entgegen.

(Isar-Floßschiffen am Oberlauf)

In meiner Geburtsstadt Landshut fließt die an ihrem Oberlauf oft smaragdgrüne Isar - bereits als recht großer Fluß - gemütlich durch die Stadt und schafft auch dort wie die Elbe in MD eine Insel in der Stadtmitte. Und auch in Landshut gibt es wie hier mit dem Umflutkanal eine sogenannte Flutmulde, welche bei den nicht seltenen Hochwassern ein gutes Drittel der Wassermengen aufnimmt und die Stadt vor Schaden schütz. Landshut hat übrigens auch einen Dom, Sankt Martin, welcher den größten aus Backstein gebauten Kirchturm der Welt besitzt und 131 Meter hoch ist. Solcherlei historische Orte finden sich reichlich im Land.

(Die Burg Trausnitz über Landshut. Man mutmaßt, dass die Landshuter den Martinsdom nur deswegen so hoch bauten, damit sie den Bayerischen Herzögen in der Burg von der Kirchturmspitze aus in die Suppe spucken konnten. Immerhin: St. Martin ist die elfthöchste Kirche der Welt, weitere fünf der vorderen Plätze stehen ebenfalls in Deutschland)

Es heißt übrigens immer gerne "Freistaat Bayern", was im wesentlichen gar nichts bedeutet. Richtig, der Titel "Freistaat" hat heute absolut keine Bedeutung mehr. Seine Ursprünge sind historischer Natur: beim Zusammenschluß der deutschen Länder zum Deutschen Reich im Jahre 1870 war es dem mächtigen Königreich wichtig, auf seine eigene staatliche Herkunft zu pochen. Nunja, es klingt zumindest so, als wäre man was besonderes (weswegen Sachsen und Thüringen das gleichmal kopiert haben Cool ).

Eine politische Eigenart Bayerns ist, dass die CSU seit langen mit einer absoluten Mehrheit regiert. Es ist das einzige deutsche Bundesland mit einer seit Jahrzehnten stets wiedergewählten Einparteienregierung. Das war mitnichten immer so. Nach dem Krieg machte die Bayernpartei der CSU einige Zeit lang die Wähler streitig, weswegen 1950 die SPD sogar (ein einziges Mal) ein besseres Wahlergebnis als die CSU erzielte (28% zu 27,4%). In den Fünfziger Jahren verschwanden die Splitterparteien jedoch wieder in der Versenkung und die CSU konnte das gesamte, in Bayern stark ausgeprägte bürgerlich-konserative Lager, aber auch den Mittelstand an sich ziehen. Seit jeher stellt sie den Ministerpräsidenten und seit 1962 hat sie die absolute Mehrheit im Landtag.
Fast immer war der Landtag ein Drei-Parteien-Landtag: CSU, SPD und früher FDP, heute die Grünen. Da die CSU auch in fast allen Städten und Gemeinden mit absoluter Mehrheit regieren kann, konzentriert sich die politische Macht weitgehend bei dieser Partei. Nur lokal gibt es aufgrund persönlicher Popularität Bürgermeister anderer Parteien. Die große und kuriose Ausnahme ist hier auch die Landeshauptstadt München, die seit zwei Jahrzehnten rot-grün regiert wird. Und so haut man sich politisch zwischen der größten und wichtigsten Stadt Bayerns und dem Land Bayern gerne gegenseitig auf die Finger und produziert allerlei Affären, was allgemein belustigt aber auch argwöhnisch konnotiert wird. Jüngstes Beispiel: Bayerns Landesregierung möchte unbedingt eine Transrapid-Strecke vom Münchner Zentrum zum Flughafen, Münchens Stadtregierung hält das für Quatsch und so wird sich fröhlich gezankt.

Wie sehr in Bayern Politik von einzelnen Menschen abhängt - was auch zeigt, das man dort nicht so ganz aufs CSU-Parteibuch schaut - wird ganz gut am Beispiel meiner Geburtsstadt Landshut deutlich. Dort regierte bis 2004 35 Jahre lang ein CSU-Bürgermeister mit der längsten Amtszeit in der Repbulik. Und als er 2004 abtrat wurde prompt ein Kandidat eines lokalen Wahlbündnisses mit mehr als 50% zum neuen Bürgermeister gewählt und die CSU sah mit knapp 15% ins Leere.
Landshut ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie geschichtliche Tradition in das 21. Jahrhundert hinübergetragen wurde. Die so genannte Landshuter Hochzeit ist das größte historische Fest der Welt, bei welchem an die 1475 stattgefundene Hochzeit des damals mächtigen bayerischen Herzogs Georgs des Reichen von Landshut mit der Tochter des polnischen Königs Hedwig Jagiellonica (allgemein Jadwiga genannt) erinnert wird. Das ganze Spektakel wird von einem Heimatverein organisiert, welcher im Jahr 1903 damit begann, ein damals kleiner Umzug mit gerade mal 145 Mitwirkenden. Heute arbeiten fast zweieinhalbtausend Landshuter Einwohner an der Umsetzung meist ehrenamtlich mit, die alle vier Jahre Landshut für volle vier Wochen in ein riesiges und prachtvolles, quirliges Mittelalterlager verwandelt, zu welchem mehrere hunderttausend Gäste kommen.

Die Landshuter Altstadt während eines Umzugs der Hochzeit. So manche Brautjungfer verdient an den zugeworfenen Münzen der Zuschauer an einem Sonntag mehr als andere im ganzen Monat.

Bayern ist ein sehr vielfältiges Bundesland, das keineswegs so homogen ist, wie es oft erscheint. Wohnen im Süden und Südosten diejenigen, welche sich gemeinhin als die "richtigen Bayern" betrachten, so finden sich westlich der Iller (ab Augsburg nach Westen) vermehrt schwäbische Gebiete. Schwaben und Bayern können inzwischen ganz gut miteinander, was zwischen Bayern und Franken, welche man von Nürnberg nordwärts findet, nicht ganz so gelingt. Da steckt natürlich auch eine gewisse Eifersüchtelei dahinter, denn immerhin hatten die Franken mit dem Fränkischen Reich als legitimem Nachfolger des Weströmischen Reichs einst ein mächtiges Staatsgebilde geschaffen, an das sich heute keiner so recht erinnern mag. Und da nichts so sehr wurmt wie verlorene Glanz und Glorie, geht es den Franken immer wieder ziemlich auf die Nerven, dass das Bundesland ja Bayern heißt und sie eigentlich meinen, ein eigenes namens Franken verdient zu haben. Das Leben kann also ganz schön gemein sein.


Was mir an Bayern gefällt:
- Es ist ein landschaftlich sehr abwechslungsreiches Land. Ausläufer der Mittelgebirge (in meinen Augen eher bessere Bodenschwellen) senken sich über Franken zu den großen Hochebenen in der Hallertau ab, dem großen deutschen Hopfenanbaugebiet und gehen in die fruchtbare Weitläufigkeit des Donautals über und dann über zur bayerischen Voralpenlandschaft zu werden. Wie mit dem Lineal gezogen steigen dann die Alpen auf und wachsen bis auf knapp 3000 Meter an. Sonnige Tiefebenen, Weinanbau, bunte Mischwälder und kleinteilige Ackerbaustrukturen, große naturbelassene Gebiete und Hochgebirge, felsige Landschaften und Höhlen, Hügelketten und ewiger Schnee in einem Bundesland. Die Sonne scheint sehr häufig, aber die Alpen sorgen selbst im Hochsommer für angenehme Temperaturen - zumindest in Oberbayern. Und umgekehrt liegt im Winter auch wirklich Schnee,. auch gerne mal eineinhalb Meter. Soviel Vielfalt gibt es sonst nur an wenigen Orten auf der Welt.

- Es ist ein bodenständiges Land. Die kommunalen Strukturen sind weitgehend intakt, das Gemeindewesen spielt eine große Rolle. "Man kennt sich eben". Jeder ist irgendwo Mitglied - und zwar wirklich jeder! Sei es im Gesangsverein, in der Freiwilligen Feuerwehr, im Dorfverschönerungsverein, im Tourismusverein, in irgendeinem Sportverein, im Wanderverein, im Tierschutzverein und sonstwo. Das gemütliche bayerische Dorfleben hat sich zwar den Erfordernissen der heutigen Zeit angepasst, aber die moderne und schnelllebige Welt wird auch bayerisiert. Das zeigt sich wunderbar am McDonalds in Tegernsee, welcher der einzige sein dürfte, der wie ein bayerisches Wirtshaus aussieht und in dem (vermutlich künstliche) Hirschgeweihe und Portraits von Köndig Ludwig II. an der Wand hängen. Wink Und das heute noch traditionelle Kleidung wie Dirndl oder Lederhosen auch und gerade von vielen jungen Menschen getragen werden, gefällt mir ziemlich gut - abgesehen davon das ein modern geschnittenes, gut sitzendes Dirndl ziemlich sexy ist.

(Das ist Bayerns Patronin, Bavaria, ein nettes Mädel, die seit dem 19. Jahrhundert auf das Land aufpasst. Sie trägt allerdings kein Dirndl, sondern eher etwas... ähh... knapperes.)


- Die Architektur von Städten und Bauten gefällt mir sehr. Bayern war vor 1950 noch weitgehend ein landwirtschaftlich orientiertes Land und hat seine mittelständische Struktur und die aus ihr erwachsenen Großindustrien erst nach 1950 aufgebaut. Daher war es kaum Ziel für Angriffe im 2. Weltkrieg und so haben viele Städte ihr mittelalterliches oder gründerzeitliches Stadtbild erhalten können. Ich mag die kleinteilige Struktur mit Gässchen, kleinen und großen Häusern, bunten Bemalungen, Fachwerk und viel Holz, verschachteltem Bau aus mehreren Jahrzehnten, alten Mühlen an Flüsschen und den vielen rot geschindelten Dächern. Und oft wird versucht, moderne Architektur in das Bild einzupassen. Immer gelingt das nicht. Aber in der Gesamtheit gilt: die meisten Städte sind schön.

- Die Schulbildung ist die beste der Republik. Das hat - meine ich - seinen klaren Grund in einem seit vielen Jahrzehnten weitgehend unangetasteten dreigliedrigen Schulsystem, das den ganzen Gesamtschulquatsch und die viele fahrige Herumexperimentiererei vieler anderer Bundesländer vermieden hat. Statt setzt man auf Leistung und einen klaren Lehrplan. Als Schüler hab ich das zwar nicht zu schätzen gewusst, aber man ist ja lernfähig.

- Das Essen ist einfach lecker! Ich mag die Bayerische Küche inzwischen sehr gerne. Herausgehoben sind hier für mich vor allem Brezen, Obazda, Leberknödelsuppe, Spätzle (gut, die kommen aus Schwaben, aber das ist zur Hälfte bayrisch), Nürnberger Bratwürstchen, Kaiserschmarrn und Pfannkuchen, Dampfnudeln und guter Käse sowie - natürlich - Weißwürste. Dazu noch ein gutes Radler mitsamt Radi und frischem Brot. Die Küche ist sehr vielfältig und interessant und da ich ein Genußmensch bin, ist mir das natürlich wichtig Smile.
pfannkuchensuppe.jpg
(Pfannkuchensuppe ist ja sowas von lecker. Aber nicht verwechseln: Pfannkuchen sind in Bayern etwas anderes als hier)


Was mir an Bayern nicht gefällt:
- München ist eine geschäftige, lebendige und hochaktive Metropole geworden, die Arbeitslosigkeit spielt keine Rolle, das Geld fließt in Strömen und aus diesen Gründen ist die Stadt wohl arrogant geworden wie keine andere in Deutschland. Nur Hamburg ist ebenso reich wie München, aber im Unterschied zur große Elbestadt, wo man mit seinem Reichtum hanseatisch zurückhaltend umgehen gelernt hat, ist in München die große Protzigkeit zum Stil erkoren worden. Mir gefällts nicht - und die Mieten kann man sich sowieso nicht mehr leisten. Viele Zuagroaste (= zugewanderte Einwohner) tun oft so, als ob sie Ur-Bayern wären und verhalten sich entsprechend hochnäsig. Das gilt auch für andere Orte, in München fällt es eben nur besonders auf, weil es zur urbayrischen Metropole so schlecht passt wie Spiekeroog in den Bodensee.

- Die CSU-Alleinregierung hat ihren guten und schlechten Seiten. Zu den schlechten gehört, dass ein ziemlicher politisch-freundschaftlicher Filz das ganze Land durchzieht. Das ist im allgemeinen keine Verschwörung der bösen imperialistischen CSU, sondern schlicht der Auswuchs einer jahrzehntelangen Verflechtung derer, die sich eben kennen und stets regieren. Und in typisch bayerischer Art erweist man sich gegenseitig eben einen Gefallen und erhält diesen auch wieder zurück. Das es dann mit den eigentlichen Pflichten bisweilen nicht ernst genug genommen werden, ist die Folge und sorgt für diverse Affären. Auch hier ist meine Geburtsstadt ein gutes Beispiel: so hat der oben erwähnte CSU-OB als eines seiner jüngeren Verewigungsprojekte einen Tunnel mitten durch die Stadt bauen lassen, den im wesentlichen eigentlich kein Schwein braucht (kommt uns das bekannt vor?). Aber es gab halt noch ein paar EU-Mittel und Zuschuss vom Land (kommt mir schon irgendwie bekannt vor), dazu noch einen lokalen und bekannten Bauunternehmer und schon war der Tunnel ausgeschrieben und wurde gebaut.

- Das intakte Gemeindeleben hat auch seine andere Seite: Geheimnisse zu bewahren ist so gut wie unmöglich. Und wenn man mal unten durch ist, bleibt das oft auch so. Klatsch und Tratsch sind Haupt-Lebenselexier der Dorfbewohner und das kann einem schon ziemlich auf die Nerven gehen. Vermutlich ist es keine bayerische Eigenart, aber es fällt dort sicher besonders ins Gewicht, weil die Verstädterung nicht so weitgehend ist, wie in anderen Bundesländern. "Stadtluft macht frei" galt hier für den ein oder anderen in früheren Zeiten sicher auch in anderer Hinsicht als nur für die rechtliche Seite.


Fazit:
Würde ich eine persönliche Rangliste in Lebensqualität der deutschen Bundesländer erstellen wollen, müsste ich mangels Kenntnis einiger Bundesländer scheitern. Aber ich kann doch ruhigen Gewissens sagen, dass meine ursprüngliche Heimat ein landschaftlich vielseitiges, touristisch interessantes und lebenswertes wie wunderschönes Bundesland ist, das sicherlich zu den schönsten Flecken Erde gehört, die man sich vorstellen kann. Die Bayern haben sich ein Stück ihrer Tradition bewahrt und praktizieren diese auch im 21. Jahrhundert, ohne dabei - ausser auf sehr oberflächliche Betrachter - folkloristisch zu wirken. Das verleiht dem Land in all seiner Modernität und Leistungsfähigkeit viel Bodenständigkeit und eine gewisse Gemütlichkeit, die ich rundum angenehm finde.

Anmerkung der Redaktion:
Ihr seid herzlich dazu eingeladen, Eure Impressionen zu den Bundesländern, die wir Euch vorstellen hier wiederzugeben. Solltet Ihr Interesse daran haben, selber Euer Bundesland vorstellen zu wollen, ist das kein Problem, denn noch sind nicht alle Länder vergeben. Wer also Lust hat, über Eigenwilligkeiten, Besonderheiten oder etwas ganz anderes zu schreiben, ist willkommen und kann sich einfach an DoubleSmile85 wenden.


Weitere Infos über Bayern:
Artikel über Bayern in der Wikipedia
Artikel über meine Heimatstadt Landshut in der Wikipedia
Infos über das Bayerische Wappen
Bayerns eigene Domäne
geschrieben von chris am 10.09.2006